Sexismus ist nur, wenn das Opfer seinen Job kündigt?

Es gibt ein besonders perfides Argument in diesen Tagen. Es nutzt das anschließende Verhalten von Laura Himmelreich als vermeintlichen Beleg dafür, dass der Sexismus von Rainer Brüderle ja gar nicht so schlimm sein kann. Ein paar Beispiele:

Berufszyniker: “So schlimm kann die ach so superschlimme Belästigung aber auch nicht gewesen sein, denn Laura Himmelreich soll sich ja neben einer FOCUS-Journalistin darum gerissen haben, mit Brüderle im Auto mitfahren zu können.”

Birgit Kelle fragt sich, “wieso die Herren in der Redaktionsleitung des „Stern“ eigentlich eine junge Journalistin, die sich angeblich von einem Politiker bedrängt fühlt, ein ganzes Jahr noch auf weitere Termine mit dem gleichen Mann schickt. Wenn es also tatsächlich so unverzeihlich und dramatisch ist, was ein Brüderle sich da nachts an der Bar geleistet hat, dann hätte ein verantwortungsvoller Arbeitgeber seine junge Mitarbeiterin davor bewahren und schützen müssen, anstatt sie dem weiter auszusetzen.”

Leon Virchow: “Der Vorfall mit besagtem Spitzenpolitiker trifft die junge Dame hart, wenn auch nicht hart genug, um sie von ihrer wichtigen Mission abzuhalten oder sich in Zukunft von fern zu halten. Ihr war diese ganze Situation so unangenehm, dass sie auch in Zukunft, völlig paralysiert, noch bedenkenlos in das Auto von Herrn Brüderle stieg in der Hoffnung, exklusive Informationen zu kriegen.”

Wolfgang Kubicki: „Ich wundere mich, dass die junge Journalistin offensichtlich ein Jahr gebraucht hat, um ihr Erlebnis zu verarbeiten.“

Jochen Gattermann: “Immerhin ist Frau Himmelreich am nächsten Tag mit Herrn Brüderle in dessen Wagen zusammen weitergefahren. Und da soll vorher eine sexuelle Beleidigung stattgefunden haben? Wer’s glaubt.”

Vergewaltigungs-Mythos

Das Argument ähndelt dem Vergewaltigungs-Mythos, dass man es einer Frau ansieht, wenn sie “wirklich” vergewaltigt wurde, weil sie dann völlig aufgelöst ist und sofort von der Tat erzählt. Eine Frau, die gefasst wirkt oder die Tat ein paar Tage lang alleine verarbeitet, kann also nicht vergewaltigt worden sein! Aber der Mythos ist falsch. Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe informiert: “Das Verhalten einer Frau nach einer Vergewaltigung lässt keine Rückschlüsse auf ihre Glaubwürdigkeit zu. Jede Frau reagiert individuell anders. Manche sind völlig verzweifelt und aufgelöst, andere wirken ruhig und gelassen oder aggressiv. Es gibt kein typisches Opferverhalten!” Es gibt also durchaus Frauen, die wie Julia Seeliger nach einer Vergewaltigung durch den Freund mit diesem sogar noch zusammenbleiben beziehungweise weiter Kontakt mit ihm halten.

Auch bei Laura Himmelreich stellt sich die Frage: Warum hätte sie den Kontakt zu Brüderle abbrechen sollen? Zumal sie beim Stern für die Berichterstattung über die FDP zuständig ist und es unvermeidlich ist, dann mit Brüderle zu tun zu haben. Hätte sie ihren Job quittieren müssen?

Zwei schlichte Wahrheiten

Erstens: Ein Spruch kann auch dann sexistisch und unangemessen sein, wenn er Laura Himmelreich nicht persönlich getroffen hat, sie nicht paralysiert hat.

Zweitens: Wenn man einen Porträt über einen Politiker schreibt, das vollständig sein soll, gehören dort dessen ständige sexistische Sprüche einfach mit rein. Weil es interessant für die Wähler ist, auch von dieser Facette der Politiker-Persönlichkeit zu erfahren. Hoffentlich lesen wir so etwas in Zukunft häufiger. Der erste sexistische Ex-Chef ist ja auch schon namentlich geoutet.

Zum Vergleich

Stellen wir uns eine andere Situation vor. Ein schwarzer Journalist schreibt regelmäßig über die Spitzenpolitiker einer Partei. Er besucht viele Pressekonferenzen, er ist bei den Parteitagen dabei, auch bei Ortsterminen, er wird auf Hintergrundgespräche eingeladen, er führt Interviews mit ihnen und zitiert sie regelmäßig in seinen Artikeln. Einer der Politiker – ein abgehalfterter Typ, der früher mal sehr wichtig war und jetzt immer noch eine gewisse Rolle spielt – lässt dabei immer mal wieder rassistische Bemerkungen fallen. Bei einem Frühstück deutet er am Buffet auf eine Banane und sagt zu dem Journalisten, das sei doch bestimmt etwas für ihn. Als er von seinem Mallorca-Urlaub erzählt, sagt er, dort habe ständig die Sonne geschienen, das hätte dem Journalisten bestimmt auch gefallen. Als es mal an einer Hotelbar nach ein paar Wein um Frauen geht, sagt der Politiker in Richtung des Journalisten, der könne doch seine Freundin bestimmt auch gut ausfüllen.

Es sind Bemerkungen, wie sie der Journalist auch Privat regelmäßig hört. Auf der Straße, im Fittnessclub, im Urlaub, auch mal bei einem Praktikum von zwei Kollegen und früher natürlich in der Schule ständig. Der Journalist findet die Bemerkungen anstößig, aber sie sind nicht ungewöhnlich. Man kann sich im Laufe seines Lebens an so viel gewöhnen.

Eine Weile später wird der Politiker plötzlich der neue Spitzenmann seiner Partei. Der Journalist schreibt ein persönliches Porträt über den Politiker. Er schreibt, dass er in seinen Reden die Welt gerne schwarz-weiß malt. Dass er die Parteien der anderen Seite verdammt, obwohl er selbst mal in einer Landesregierung vor vielen Jahren mit ihnen koaliert hat. Dass seine Strategie des Selbstmarketings auch beinhaltet, zu Harald Schmidt und die “heute-Show” zu gehen. Dass er ländlich geprägten, männlichen Mittelständlern aus dem Herzen spricht. Dass er im entscheidenden Moment zu feige war, nach der Macht zu greifen. Dass das Modernste an ihm noch seine Porsche-Design-Brille ist. Dass von ihm keine inhaltliche Inspiration zu erwarten sei. Und in diesem Porträt mit vielen Beschreibungen und Bewertungen des Politikers steht auch, dass er gerne mal von Vorurteilen geprägte Äußerungen fallen lässt. Der Journalist zitiert ein paar rassistische Bemerkungen, die ihm selbst galten, und ein paar, die anderen Personen galten. Gleichzeitig erwähnt das Porträt auch, dass der Politiker seit mehr als 30 Jahren einen Schwarzen zum besten Freund hat. Und dass schwarze Mitarbeiter von ihm überrascht reagieren, wenn man sie fragt, ob ihre Hautfarbe bei der Zusammenarbeit eine Rolle spielt. Der Artikel analysiert schließlich, dass es sich offenbar um lockere Sprüche handelt, die jedoch in unserer Zeit unangemessen sind.

All das steht auch im Artikel von Laura Himmelreich, der jetzt auch in der originalen Print-Fassung online steht.

Warum hätte sie mit Brüderle keinen Kontakt mehr haben wollen? Sie schildert ja in ihrem Artikel, dass sie in der Lage war, seine Sprüche angemessen zu parieren. Und Laura Himmelreich beklagt in dem Artikel übrigens nicht einmal, dass sie sich persönlich beleidigt gefühlt hätte. Das war aber auch gar nicht nötig.

Es ist wirklich so einfach: Ein Spruch ist genau dann sexistisch und unangemessen, wenn er sexistisch und unangemessen ist. Es ist dazu nicht notwendig, dass Laura Himmelreich sich persönlich beleidigt fühlt oder sie sogar dauerhaft paralysiert ist und unfähig, ihren Job weiter auszuüben.

Siehe auch:

Antje Schrupp: Wie Lappalien relevant werden

Frau Dingens: Ich hab keine Worte mehr, die meinen Frust, meine Abscheu und meine Verzweiflung akkurat wieder geben könnten.

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Endlich werden die Täter genannt

Der Artikel von Annett Meiritz im Spiegel nannte die Namen der Täter noch nicht. Sie schrieb nebulös von “einem Vorstandsmitglied” und bei einer zweiten Person von einem “Koblenzer Pirat”. Laura Himmelreich im Stern war mutiger. Sie schilderte nicht nur eine Grenzüberschreitung, sondern nannte auch den Namen des Täters: Rainer Brüderle. Erst dadurch entwickelte sich die Sexismus-Debatte zum #Aufschrei.

Die neue Qualität ist: Auch andere Medien und Blogger berichteten über den Fall unter voller Namensnennung Brüderles. Obwohl der Betroffene selbst bisher keine Stellungnahme abgegeben hat. Und obwohl es auch sonst keine zweite Quelle für die Schilderungen Laura Himmelreichs gibt. Früher hätten Medien – auch wenn ihnen selbst der Name bekannt gewesen wäre – dann höchstens berichtet, dass es sich um einen “bekannten FDP-Politiker” handelt. Die Frau wäre in der Beweispflicht gewesen. Und ohne Beweise (wobei ihre eigene Aussage selbstverständlich nicht als Beweis gewertet worden wäre) hätte man ihr erstmal nicht geglaubt. Da ist sie wieder, die Spirale von Schuld und Scham.

Doch damit ist es jetzt vorbei! Dem Opfer wird geglaubt, der Name des Täters wird in allen Medien genannt. Endlich!

Und schon jetzt ist zu sehen, wie der Fall Brüderle auch andere Frauen ermutigt:

Markus Beckedahl. Foto: Franz Patzig/CreativeCommons BY-NC-SA

Markus Beckedahl. Foto: Franz Patzig/CreativeCommons BY-NC-SA

Die FAZ-Journalistin Julia Seeliger schreibt über ein Erlebnis mit ihrem Exfreund Markus Beckedahl (Mitveranstalter der Internetkonferenz re:publica, Verantwortlich für netzpolitik.org):

Nein, ich will das nicht, habe ich gesagt, Lass das, ich will nicht. Doch er hörte nicht auf. Es war eine Party und wir waren in meinem Zimmer. Gleich nachdem es passiert war, in unserem Wohnzimmer, erzählte ich, ungläubig, dass er mich vergewaltigt habe. Keiner hatte etwas dazu zu sagen. Sie dachten wohl, ich spinne oder will ihm wieder Ärger machen. Später trank ich so viel Alkohol, dass ich keine Musik mehr auflegen konnte.

Diese Szene selbst hatte sie bereits vor einem Monat in dem Manuskript (PDF) zu ihrem 29C3-Workshop über Vergewaltigungen geschildert. Damals aber noch ohne Namen des Täters. Offensichtlich gab ihr jetzt die Brüderle-Debatte endlich den Mut und die Kraft, in einem Blogbeitrag den Täter zu nennen. Zu den Gründen, die gegen eine Anzeige des Vorfalls bei der Polizei sprachen, schreibt sie in ihrem Manuskript, dass es “bei Vergewaltigungen so wenige Anzeigen und Verurteilungen gibt, weil sie nun mal schwer nachweisbar sind, weil die Ermittelnden Vorurteile haben, weil es die Unschuldsvermutung gibt und weil häufig eine Beziehungskomponente hineinspielt”.

Zudem schildert Julia Seeliger auch, wie das sexistische Verhalten ihres Chefs Matthias Urbach sie dazu brachte, eine Redakteursstelle bei der taz aufzugeben:

Matthias Urbach. Quelle: Spiegelgruppe

Matthias Urbach. Quelle: Spiegelgruppe

Selbst in der taz hatte ich mit Sexismus zu tun. Sanftem Sexismus, mir wurde nur eine Normabweichung zugeschrieben – aber dieses ständige “Du weichst ab, du wirst mit Aufmerksamkeit bestraft” suckt einfach. Mein taz-Chef Matthias Urbach – einer freundlichen kleinen Zeitung aus dem Alternativmilleu – sagte, wenn ich in ein anderes Ressort wechsele, bekäme ich Probleme, denn die Frauen in dem Ressort würden “weiblich” kommunizieren, ich hingegen “männlich”. Mir wurde also unterstellt, ich würde mich nicht frauengerecht verhalten. Ich hätte das schlucken können – konnte aber nicht mehr. So gab ich meine Festanstellung bei der taz auf.

Urbach ist inzwischen nicht mehr Ressortchef bei der taz, sondern Ressortleiter beim New Scientist.

Kein Schutzraum für Sexisten und Vergewaltiger!

Dass jetzt die Täter benannt werden, lässt hoffen. Bisher konnten die Täter darauf vertrauen, dass selbst so halböffentliche Orte wie eine Hotelbar, eine Party oder ein Arbeitsplatz für sie Schutzräume sind, in denen sie ihr sexistisches und/oder übergriffiges Verhalten ohne Konsequenzen ausleben können. Die Brüderle-Debatte und ihre Fortsetzung zeigt: Damit ist es vorbei! Das Private wird wieder politisch! Selbst wenn bisher nur die wenigsten Täter genannt werden – einige immerhin werden inzwischen genannt. Und alle müssen zittern, dass auch bei ihnen sich mal eine Frau so mutig wehrt wie Julia Seeliger.

Update: Inga Griese outet in der Welt Willy Brandt als Grapscher. Auch hier wieder volle Namensnennung, keine zweite Quelle:

Eine Hand legte sich auf mein Knie. Ich reagierte nicht, verspannte komplett, war erschrocken und irritiert. Hätte ich laut sagen sollen. “Pfoten weg, Herr Brandt!” Heute würde ich es wahrscheinlich tun. Die Hand verschwand zum Glück schnell wieder. Ich habe nie wieder mit dem Mann gesprochen. Denn er hatte die Grenze weit überschritten.

Update2: Julia Seeliger hat den Blogbeitrag inzwischen offline genomen, “da man mir mit Anwälten drohte“. Da versucht offenbar jemand, Kritik zu depublizieren und damit unsichtbar zu machen. Julia Seeliger schreibt in einem neuen Artikel: “Einige verstanden den Beitrag so, dass ich einen Vergewaltigungsvorwurf erhebe – das ist nicht der Fall. […] Ich werfe niemand Vergewaltigung vor.” Da hat die Anwaltsdrohung scheinbar gewirkt. Und juristisch gesehen war es auch keine Vergewaltigung. Denn dafür reicht es nicht aus, dass sie “Nein” sagt. Der Täter hätte Gewalt anwenden oder androhen müssen oder eine schutzlose Lage ausnützen müssen. Und schutzlos war ihre Lage nicht, denn sie hätte in der WG um Hilfe rufen können. Lawblogger Uwe Vetter hat das letztens am Fall des 15-jährigen Mädchens aus Marl erklärt. Also lässt Julia Seeliger den Vorwurf der Vergewaltigung fallen und schreibt in ihrem neuen Artikel von einem “Übergriff”. Zusätzlich liefert sie mehr Informationen über die Beziehung mit Markus Beckedahl: “Den Übergriff habe ich beschrieben, weil er ins Thema gehört – aber das schlimmere war die Beziehung. Die Achtlosigkeit. Ich wurde klein in der Beziehung, die zu lange andauerte. Ich dachte, dass ich keinen guten Musikgeschmack habe, dass keine gute Partnerin bin, keine gute Politikerin, nicht intelligent genug. Weil es sich mit ihm so anfühlte und ich ihm zu lange vertraute.” Zum Glück hatte Julia Seeliger für ihren ursprünglichen Text eine Creative-Commons-Lizenz verwendet, so dass ich hier eine Kopie ihres Original-Artikels veröffentlichen kann.

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Netzbeschmutzung

Der folgende Artikel stammt von Julia Seeliger. Sie hat ausdrücklich erlaubt, den Text an anderer Stelle veröffentlichen und ihn unter die freie Lizenz Creative Commons 3.0 Deutschland gestellt.

Wir haben eine Sexismus-Debatte. Das ist gut. Endlich. Frauen und Männer twittern über den alltäglichen Sexismus. Da werden Fälle gebracht aus der Schule – Übergriffe aus dem Sportunterricht, sexistische Bemerkungen von Mathe- und Physiklehrern. Aus der Uni. Und die Klassiker – Vergewaltigungsmythen werden gebracht. Viele Fälle von sexuellem Missbrauch. Übergriffigkeiten auf der Straße, in Bus und Bahn und auf der Arbeitsstelle. Auslöser war der Text Normal ist das nicht auf kleinerdrei, sowie die Berichte von Annett Meiritz, die auf Spiegel Online über den Sexismus bei der Piratenpartei schrieb, und von Laura Himmelreich im Stern, die von Übergriffigkeiten durch FDP-Opa Brüderle berichtete. Eine Riesen-Debatte, und ein Fortschritt. Alice Schwarzer schreibt

Etwas ist anders als damals. Sogar Journalistinnen, die ja unter einem besonders starken Anpassungsdruck stehen, können es jetzt wagen, mit ihren einschlägigen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. (…) Genau das ist neu im Rahmen eines Politikerporträts in einem politischen Magazin! Es ist neu, dass diese Art von sexistischem Verhalten nicht im besten Fall als peinlich abgetan, sondern als politisch gewertet wird. Dass es also einer der Faktoren ist, an denen wir messen müssen, ob dieser Mann geeignet ist für eine politische Spitzenposition. Das ist neu in Deutschland.

Es ist großartig, dass diese Alphajournalistinnen in die Offensive gegangen sind. Nun muss es aber weitergehen: Es ist leicht, immer nur mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. Zurzeit zeigen Grüne auf die FDP, Journalistinnen auf Politiker, Linke auf Konservative, Konservative auf die moderne Zeit. Wir sollten aber auch vor den eigenen Türen kehren. Grüne sollen auf Grüne zeigen, Journalistinnen und Journalisten auf ihre Chefs.

Vor der eigenen Türe kehren!

Die Grünen sollten über den Sexismus in den eigenen Reihen sprechen. Im Rahmen der Urwahl-Debatte soll mit dem Argument, Claudia Roth und Renate Künast hätten keine Kinder, Stimmung gemacht worden sein für Katrin Göring-Eckardt. Was über Claudia Roth gesagt wird, wie ihre Person auf das normabweichende “schrill” verkürzt wird und ihre Qualifikationen in den Hintergrund gerückt, ist sexistisch, seit Jahren. Claudia Roth aber schluckt das und sagt jetzt was gegen Brüderle und für die Quote – Wahlkampf. Genauso Anke Domscheit-Berg. In der Piratenpartei abgemeiert, von einem uninteressanten jungen Mann auf den aussichtslosen Platz 2 der Brandenburger Landesliste verbannt – aber sie schluckt es und macht ein schönes Gesicht zum sexistischen Normalzustand. Ob man einen Mann in Domscheit-Bergs Situation auch als “Karrieristin” diffamieren würde? Oder würde man sich in der kopflosen Partei nicht eher freuen, auch mal eine qualifizierte Person vorweisen zu können? Es ist ungerecht, was in der Piratenpartei mit Anke Domscheit-Berg und auch mit Julia Probst gemacht wurde – beide Frauen haben aussichtslose Listenplätze, aber sie machen weiter ein freundliches Gesicht zu diesem Sexismus.

Das unfröhliche Gesicht ist unbeliebt

Ich kann das aber auch verstehen. Wer kein freundliches Gesicht macht, wird schnell als “zickig” bezeichnet. Oder als “bitter”. Kenne ich alles. Ich habe auch aus anderen Gründen lange ein freundliches Gesicht gemacht. Ich bin nämlich der Ansicht, dass es wenig hilft, sich die ganze Zeit über den sexistischen Normalzustand, der in dem Hashtag #Aufschrei sichtbar geworden ist, zu ärgern. Die meisten Menschen sehen Sexismus nicht und haben auch keine Lust, sich den ganzen Tag damit zu befassen. Als Mahnende fährt sich selbst in eine Sackgasse. Das unfröhliche Gesicht ist also anstrengend, weil unbeliebt. Beruflich schädlich ist es auch. Wenn ich schreibe, ich habe ein Problem mit “männlichen Chefs”, so wird mir das gleich als Affront gegen alle Männer ausgelegt, und dass es logisch sei, wenn mich niemand beschäftigen wolle. Deswegen kann ich verstehen, dass die Kolleginnen nicht so gern vor der eigenen Türe kehren möchten – auch wenn es angebracht wäre.

Sexismus in der taz

Selbst in der taz hatte ich mit Sexismus zu tun. Sanftem Sexismus, mir wurde nur eine Normabweichung zugeschrieben – aber dieses ständige “Du weichst ab, du wirst mit Aufmerksamkeit bestraft” suckt einfach. Mein taz-Chef Matthias Urbach – einer freundlichen kleinen Zeitung aus dem Alternativmilleu – sagte, wenn ich in ein anderes Ressort wechsele, bekäme ich Probleme, denn die Frauen in dem Ressort würden “weiblich” kommunizieren, ich hingegen “männlich”. Mir wurde also unterstellt, ich würde mich nicht frauengerecht verhalten. Ich hätte das schlucken können – konnte aber nicht mehr. So gab ich meine Festanstellung bei der taz auf. Auch in der Bloggerszene machte ich Erfahrungen mit Sexismus. Ich denke, länger als die meisten, länger als die Netzfeministinnen, die sich dann zur re-publica groß hinstellten und die feministische Wende verkündeten. Ihr wisst doch gar nichts, sage ich denen nur. Jahrelang habe ich für meinen Exfreund Markus Beckedahl blöde Redigier-Aufgaben erledigt, weil ich das ja so gut kann. In der Weibchen-Falle. Es wäre doch schön, wenn ich ein Blog schriebe, das sich mit dem Thema “Frauen und Linux” befasst, sagte er. Während coole Jungs mit Beckedahl bunte und spannende Politik machen, war ich die ganze Zeit damit befasst, mir Zugänge zu verschaffen – zu den runden Internettischen von Malte Spitz zum Beispiel. Internet Manifest, Digitale Gesellschaft – überall war ich nicht dabei, und das tut weh, dieses Gefühl, zu schlecht zu sein. Schlecht in Netzpolitik since 2003, das muss man als intelligenter Mensch erstmal schaffen. Ficken konnte Beckedahl mich dafür immer, auch mal, als ich Nein sagte (PDF). Und vermutete gar, ich sei eifersüchtig auf seine Frau – ganz schön narzisstisch. So wie manche Männer eben sind.

Die gläserne Decke ist nicht starr

Das suckt so sehr. Dieses ständige Scheitern, viele kleine Scheiterns, das macht mutlos. Die gläserne Decke ist nicht starr, sie ist ein vielgestaltiges Ding aus blitzenden Peitschenhieben. Elektroschocks, die nicht wehtun, aber aufmerksam machen. Steter Tropfen. Früher warst du aber nicht so bitter, sei doch mal so lustig wie früher, sagt mir Falk Steiner, ein Kollege. Sowas kommt von sowas, kann ich dazu nur sagen. Ich mache mir auch viele Gedanken darüber, ob es sinnvoll ist, unter diesen Umständen als Journalistin weiterzuarbeiten, auch noch freiberuflich. Oder ob Frauen generell besser beraten sind, Beamtenlaufbahnen anzutreten. Mein Enthusiasmus ist gebremst – ich weiß nicht, ob das wegen der Fehler ist, die ich gemacht habe, oder ob meine Probleme im Beruf vielleicht auch etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben. Ich lese den Text “Hier ist der traurige Feminismus” von Helga – und ich denke auch so traurige Dinge.

Jeder einzelne Unterdrückungsmechanismus, den feministische Theorien beschreiben, ist mir am eigenen Leib oder Bekannten passiert.

Als Freiberuflerin braucht man gute Laune

Ich will dazu kein trauriges Gesicht machen. Denn als Freiberuflerin braucht man gute Laune, und je mehr man sich Gedanken macht, desto mehr sieht man den Sexismus, den andere nicht sehen. Und den Sexismus, den andere nicht sehen, der nervt einen ja nur. Ich denke manchmal, ich habe ja eh keine Chance, sollen die geschätzt fünf Jungs sich doch die im Zeitungssterben immer rareren Artikelmöglichkeiten zu netzpolitischen und -kulturellen Themen unter sich aufteilen. Falk Steiner, einer von denen, sagte zu mir, wir seien keine Konkurrenz zueinander, das sei nicht der Grund, warum er so ruppig zu mir sei. Dabei berichtet er bei der taz heute genau das, was ich früher bearbeitete. Vielleicht verstehe ich ja alles falsch. Dass ich zu dumm bin, glaube ich nicht. Ich möchte gerne Chancen haben auf dem Arbeitsmarkt, dieselben wie meine männlichen Kollegen auch. Ich möchte gerne, dass auch Frauen streitbar sein dürfen und bunt und auffällig und laut. Und mächtig. Macht. Macht ist auch für Frauen da. Oder?

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Julia Seeliger hat den Blogbeitrag inzwischen offline genomen, “da man mir mit Anwälten drohte“. Da versucht offenbar jemand, Kritik zu depublizieren und damit unsichtbar zu machen. Julia Seeliger schreibt in einem neuen Artikel: “Einige verstanden den Beitrag so, dass ich einen Vergewaltigungsvorwurf erhebe – das ist nicht der Fall. […] Ich werfe niemand Vergewaltigung vor.” Da hat die Anwaltsdrohung scheinbar gewirkt. Und juristisch gesehen war es auch keine Vergewaltigung. Denn dafür reicht es nicht aus, dass sie “Nein” sagt. Der Täter hätte Gewalt anwenden oder androhen müssen oder eine schutzlose Lage ausnützen müssen. Und schutzlos war ihre Lage nicht, denn sie hätte in der WG um Hilfe rufen können. Lawblogger Uwe Vetter hat das letztens am Fall des 15-jährigen Mädchens aus Marl erklärt. Also lässt Julia Seeliger den Vorwurf der Vergewaltigung fallen und schreibt in ihrem neuen Artikel von einem “Übergriff”. Zusätzlich liefert sie mehr Informationen über die Beziehung mit Markus Beckedahl: “Den Übergriff habe ich beschrieben, weil er ins Thema gehört – aber das schlimmere war die Beziehung. Die Achtlosigkeit. Ich wurde klein in der Beziehung, die zu lange andauerte. Ich dachte, dass ich keinen guten Musikgeschmack habe, dass keine gute Partnerin bin, keine gute Politikerin, nicht intelligent genug. Weil es sich mit ihm so anfühlte und ich ihm zu lange vertraute.” Da sie für ihren ursprünglichen Text eine Creative-Commons-Lizenz verwendet hat, erscheint hier eine Kopie ihres Original-Artikels.

Siehe auch: Endlich werden die Täter genannt