Endlich werden die Täter genannt

Der Artikel von Annett Meiritz im Spiegel nannte die Namen der Täter noch nicht. Sie schrieb nebulös von “einem Vorstandsmitglied” und bei einer zweiten Person von einem “Koblenzer Pirat”. Laura Himmelreich im Stern war mutiger. Sie schilderte nicht nur eine Grenzüberschreitung, sondern nannte auch den Namen des Täters: Rainer Brüderle. Erst dadurch entwickelte sich die Sexismus-Debatte zum #Aufschrei.

Die neue Qualität ist: Auch andere Medien und Blogger berichteten über den Fall unter voller Namensnennung Brüderles. Obwohl der Betroffene selbst bisher keine Stellungnahme abgegeben hat. Und obwohl es auch sonst keine zweite Quelle für die Schilderungen Laura Himmelreichs gibt. Früher hätten Medien – auch wenn ihnen selbst der Name bekannt gewesen wäre – dann höchstens berichtet, dass es sich um einen “bekannten FDP-Politiker” handelt. Die Frau wäre in der Beweispflicht gewesen. Und ohne Beweise (wobei ihre eigene Aussage selbstverständlich nicht als Beweis gewertet worden wäre) hätte man ihr erstmal nicht geglaubt. Da ist sie wieder, die Spirale von Schuld und Scham.

Doch damit ist es jetzt vorbei! Dem Opfer wird geglaubt, der Name des Täters wird in allen Medien genannt. Endlich!

Und schon jetzt ist zu sehen, wie der Fall Brüderle auch andere Frauen ermutigt:

Markus Beckedahl. Foto: Franz Patzig/CreativeCommons BY-NC-SA

Markus Beckedahl. Foto: Franz Patzig/CreativeCommons BY-NC-SA

Die FAZ-Journalistin Julia Seeliger schreibt über ein Erlebnis mit ihrem Exfreund Markus Beckedahl (Mitveranstalter der Internetkonferenz re:publica, Verantwortlich für netzpolitik.org):

Nein, ich will das nicht, habe ich gesagt, Lass das, ich will nicht. Doch er hörte nicht auf. Es war eine Party und wir waren in meinem Zimmer. Gleich nachdem es passiert war, in unserem Wohnzimmer, erzählte ich, ungläubig, dass er mich vergewaltigt habe. Keiner hatte etwas dazu zu sagen. Sie dachten wohl, ich spinne oder will ihm wieder Ärger machen. Später trank ich so viel Alkohol, dass ich keine Musik mehr auflegen konnte.

Diese Szene selbst hatte sie bereits vor einem Monat in dem Manuskript (PDF) zu ihrem 29C3-Workshop über Vergewaltigungen geschildert. Damals aber noch ohne Namen des Täters. Offensichtlich gab ihr jetzt die Brüderle-Debatte endlich den Mut und die Kraft, in einem Blogbeitrag den Täter zu nennen. Zu den Gründen, die gegen eine Anzeige des Vorfalls bei der Polizei sprachen, schreibt sie in ihrem Manuskript, dass es “bei Vergewaltigungen so wenige Anzeigen und Verurteilungen gibt, weil sie nun mal schwer nachweisbar sind, weil die Ermittelnden Vorurteile haben, weil es die Unschuldsvermutung gibt und weil häufig eine Beziehungskomponente hineinspielt”.

Zudem schildert Julia Seeliger auch, wie das sexistische Verhalten ihres Chefs Matthias Urbach sie dazu brachte, eine Redakteursstelle bei der taz aufzugeben:

Matthias Urbach. Quelle: Spiegelgruppe

Matthias Urbach. Quelle: Spiegelgruppe

Selbst in der taz hatte ich mit Sexismus zu tun. Sanftem Sexismus, mir wurde nur eine Normabweichung zugeschrieben – aber dieses ständige “Du weichst ab, du wirst mit Aufmerksamkeit bestraft” suckt einfach. Mein taz-Chef Matthias Urbach – einer freundlichen kleinen Zeitung aus dem Alternativmilleu – sagte, wenn ich in ein anderes Ressort wechsele, bekäme ich Probleme, denn die Frauen in dem Ressort würden “weiblich” kommunizieren, ich hingegen “männlich”. Mir wurde also unterstellt, ich würde mich nicht frauengerecht verhalten. Ich hätte das schlucken können – konnte aber nicht mehr. So gab ich meine Festanstellung bei der taz auf.

Urbach ist inzwischen nicht mehr Ressortchef bei der taz, sondern Ressortleiter beim New Scientist.

Kein Schutzraum für Sexisten und Vergewaltiger!

Dass jetzt die Täter benannt werden, lässt hoffen. Bisher konnten die Täter darauf vertrauen, dass selbst so halböffentliche Orte wie eine Hotelbar, eine Party oder ein Arbeitsplatz für sie Schutzräume sind, in denen sie ihr sexistisches und/oder übergriffiges Verhalten ohne Konsequenzen ausleben können. Die Brüderle-Debatte und ihre Fortsetzung zeigt: Damit ist es vorbei! Das Private wird wieder politisch! Selbst wenn bisher nur die wenigsten Täter genannt werden – einige immerhin werden inzwischen genannt. Und alle müssen zittern, dass auch bei ihnen sich mal eine Frau so mutig wehrt wie Julia Seeliger.

Update: Inga Griese outet in der Welt Willy Brandt als Grapscher. Auch hier wieder volle Namensnennung, keine zweite Quelle:

Eine Hand legte sich auf mein Knie. Ich reagierte nicht, verspannte komplett, war erschrocken und irritiert. Hätte ich laut sagen sollen. “Pfoten weg, Herr Brandt!” Heute würde ich es wahrscheinlich tun. Die Hand verschwand zum Glück schnell wieder. Ich habe nie wieder mit dem Mann gesprochen. Denn er hatte die Grenze weit überschritten.

Update2: Julia Seeliger hat den Blogbeitrag inzwischen offline genomen, “da man mir mit Anwälten drohte“. Da versucht offenbar jemand, Kritik zu depublizieren und damit unsichtbar zu machen. Julia Seeliger schreibt in einem neuen Artikel: “Einige verstanden den Beitrag so, dass ich einen Vergewaltigungsvorwurf erhebe – das ist nicht der Fall. […] Ich werfe niemand Vergewaltigung vor.” Da hat die Anwaltsdrohung scheinbar gewirkt. Und juristisch gesehen war es auch keine Vergewaltigung. Denn dafür reicht es nicht aus, dass sie “Nein” sagt. Der Täter hätte Gewalt anwenden oder androhen müssen oder eine schutzlose Lage ausnützen müssen. Und schutzlos war ihre Lage nicht, denn sie hätte in der WG um Hilfe rufen können. Lawblogger Uwe Vetter hat das letztens am Fall des 15-jährigen Mädchens aus Marl erklärt. Also lässt Julia Seeliger den Vorwurf der Vergewaltigung fallen und schreibt in ihrem neuen Artikel von einem “Übergriff”. Zusätzlich liefert sie mehr Informationen über die Beziehung mit Markus Beckedahl: “Den Übergriff habe ich beschrieben, weil er ins Thema gehört – aber das schlimmere war die Beziehung. Die Achtlosigkeit. Ich wurde klein in der Beziehung, die zu lange andauerte. Ich dachte, dass ich keinen guten Musikgeschmack habe, dass keine gute Partnerin bin, keine gute Politikerin, nicht intelligent genug. Weil es sich mit ihm so anfühlte und ich ihm zu lange vertraute.” Zum Glück hatte Julia Seeliger für ihren ursprünglichen Text eine Creative-Commons-Lizenz verwendet, so dass ich hier eine Kopie ihres Original-Artikels veröffentlichen kann.

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