Netzbeschmutzung

Der folgende Artikel stammt von Julia Seeliger. Sie hat ausdrücklich erlaubt, den Text an anderer Stelle veröffentlichen und ihn unter die freie Lizenz Creative Commons 3.0 Deutschland gestellt.

Wir haben eine Sexismus-Debatte. Das ist gut. Endlich. Frauen und Männer twittern über den alltäglichen Sexismus. Da werden Fälle gebracht aus der Schule – Übergriffe aus dem Sportunterricht, sexistische Bemerkungen von Mathe- und Physiklehrern. Aus der Uni. Und die Klassiker – Vergewaltigungsmythen werden gebracht. Viele Fälle von sexuellem Missbrauch. Übergriffigkeiten auf der Straße, in Bus und Bahn und auf der Arbeitsstelle. Auslöser war der Text Normal ist das nicht auf kleinerdrei, sowie die Berichte von Annett Meiritz, die auf Spiegel Online über den Sexismus bei der Piratenpartei schrieb, und von Laura Himmelreich im Stern, die von Übergriffigkeiten durch FDP-Opa Brüderle berichtete. Eine Riesen-Debatte, und ein Fortschritt. Alice Schwarzer schreibt

Etwas ist anders als damals. Sogar Journalistinnen, die ja unter einem besonders starken Anpassungsdruck stehen, können es jetzt wagen, mit ihren einschlägigen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu gehen. (…) Genau das ist neu im Rahmen eines Politikerporträts in einem politischen Magazin! Es ist neu, dass diese Art von sexistischem Verhalten nicht im besten Fall als peinlich abgetan, sondern als politisch gewertet wird. Dass es also einer der Faktoren ist, an denen wir messen müssen, ob dieser Mann geeignet ist für eine politische Spitzenposition. Das ist neu in Deutschland.

Es ist großartig, dass diese Alphajournalistinnen in die Offensive gegangen sind. Nun muss es aber weitergehen: Es ist leicht, immer nur mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. Zurzeit zeigen Grüne auf die FDP, Journalistinnen auf Politiker, Linke auf Konservative, Konservative auf die moderne Zeit. Wir sollten aber auch vor den eigenen Türen kehren. Grüne sollen auf Grüne zeigen, Journalistinnen und Journalisten auf ihre Chefs.

Vor der eigenen Türe kehren!

Die Grünen sollten über den Sexismus in den eigenen Reihen sprechen. Im Rahmen der Urwahl-Debatte soll mit dem Argument, Claudia Roth und Renate Künast hätten keine Kinder, Stimmung gemacht worden sein für Katrin Göring-Eckardt. Was über Claudia Roth gesagt wird, wie ihre Person auf das normabweichende “schrill” verkürzt wird und ihre Qualifikationen in den Hintergrund gerückt, ist sexistisch, seit Jahren. Claudia Roth aber schluckt das und sagt jetzt was gegen Brüderle und für die Quote – Wahlkampf. Genauso Anke Domscheit-Berg. In der Piratenpartei abgemeiert, von einem uninteressanten jungen Mann auf den aussichtslosen Platz 2 der Brandenburger Landesliste verbannt – aber sie schluckt es und macht ein schönes Gesicht zum sexistischen Normalzustand. Ob man einen Mann in Domscheit-Bergs Situation auch als “Karrieristin” diffamieren würde? Oder würde man sich in der kopflosen Partei nicht eher freuen, auch mal eine qualifizierte Person vorweisen zu können? Es ist ungerecht, was in der Piratenpartei mit Anke Domscheit-Berg und auch mit Julia Probst gemacht wurde – beide Frauen haben aussichtslose Listenplätze, aber sie machen weiter ein freundliches Gesicht zu diesem Sexismus.

Das unfröhliche Gesicht ist unbeliebt

Ich kann das aber auch verstehen. Wer kein freundliches Gesicht macht, wird schnell als “zickig” bezeichnet. Oder als “bitter”. Kenne ich alles. Ich habe auch aus anderen Gründen lange ein freundliches Gesicht gemacht. Ich bin nämlich der Ansicht, dass es wenig hilft, sich die ganze Zeit über den sexistischen Normalzustand, der in dem Hashtag #Aufschrei sichtbar geworden ist, zu ärgern. Die meisten Menschen sehen Sexismus nicht und haben auch keine Lust, sich den ganzen Tag damit zu befassen. Als Mahnende fährt sich selbst in eine Sackgasse. Das unfröhliche Gesicht ist also anstrengend, weil unbeliebt. Beruflich schädlich ist es auch. Wenn ich schreibe, ich habe ein Problem mit “männlichen Chefs”, so wird mir das gleich als Affront gegen alle Männer ausgelegt, und dass es logisch sei, wenn mich niemand beschäftigen wolle. Deswegen kann ich verstehen, dass die Kolleginnen nicht so gern vor der eigenen Türe kehren möchten – auch wenn es angebracht wäre.

Sexismus in der taz

Selbst in der taz hatte ich mit Sexismus zu tun. Sanftem Sexismus, mir wurde nur eine Normabweichung zugeschrieben – aber dieses ständige “Du weichst ab, du wirst mit Aufmerksamkeit bestraft” suckt einfach. Mein taz-Chef Matthias Urbach – einer freundlichen kleinen Zeitung aus dem Alternativmilleu – sagte, wenn ich in ein anderes Ressort wechsele, bekäme ich Probleme, denn die Frauen in dem Ressort würden “weiblich” kommunizieren, ich hingegen “männlich”. Mir wurde also unterstellt, ich würde mich nicht frauengerecht verhalten. Ich hätte das schlucken können – konnte aber nicht mehr. So gab ich meine Festanstellung bei der taz auf. Auch in der Bloggerszene machte ich Erfahrungen mit Sexismus. Ich denke, länger als die meisten, länger als die Netzfeministinnen, die sich dann zur re-publica groß hinstellten und die feministische Wende verkündeten. Ihr wisst doch gar nichts, sage ich denen nur. Jahrelang habe ich für meinen Exfreund Markus Beckedahl blöde Redigier-Aufgaben erledigt, weil ich das ja so gut kann. In der Weibchen-Falle. Es wäre doch schön, wenn ich ein Blog schriebe, das sich mit dem Thema “Frauen und Linux” befasst, sagte er. Während coole Jungs mit Beckedahl bunte und spannende Politik machen, war ich die ganze Zeit damit befasst, mir Zugänge zu verschaffen – zu den runden Internettischen von Malte Spitz zum Beispiel. Internet Manifest, Digitale Gesellschaft – überall war ich nicht dabei, und das tut weh, dieses Gefühl, zu schlecht zu sein. Schlecht in Netzpolitik since 2003, das muss man als intelligenter Mensch erstmal schaffen. Ficken konnte Beckedahl mich dafür immer, auch mal, als ich Nein sagte (PDF). Und vermutete gar, ich sei eifersüchtig auf seine Frau – ganz schön narzisstisch. So wie manche Männer eben sind.

Die gläserne Decke ist nicht starr

Das suckt so sehr. Dieses ständige Scheitern, viele kleine Scheiterns, das macht mutlos. Die gläserne Decke ist nicht starr, sie ist ein vielgestaltiges Ding aus blitzenden Peitschenhieben. Elektroschocks, die nicht wehtun, aber aufmerksam machen. Steter Tropfen. Früher warst du aber nicht so bitter, sei doch mal so lustig wie früher, sagt mir Falk Steiner, ein Kollege. Sowas kommt von sowas, kann ich dazu nur sagen. Ich mache mir auch viele Gedanken darüber, ob es sinnvoll ist, unter diesen Umständen als Journalistin weiterzuarbeiten, auch noch freiberuflich. Oder ob Frauen generell besser beraten sind, Beamtenlaufbahnen anzutreten. Mein Enthusiasmus ist gebremst – ich weiß nicht, ob das wegen der Fehler ist, die ich gemacht habe, oder ob meine Probleme im Beruf vielleicht auch etwas mit dem biologischen Geschlecht zu tun haben. Ich lese den Text “Hier ist der traurige Feminismus” von Helga – und ich denke auch so traurige Dinge.

Jeder einzelne Unterdrückungsmechanismus, den feministische Theorien beschreiben, ist mir am eigenen Leib oder Bekannten passiert.

Als Freiberuflerin braucht man gute Laune

Ich will dazu kein trauriges Gesicht machen. Denn als Freiberuflerin braucht man gute Laune, und je mehr man sich Gedanken macht, desto mehr sieht man den Sexismus, den andere nicht sehen. Und den Sexismus, den andere nicht sehen, der nervt einen ja nur. Ich denke manchmal, ich habe ja eh keine Chance, sollen die geschätzt fünf Jungs sich doch die im Zeitungssterben immer rareren Artikelmöglichkeiten zu netzpolitischen und -kulturellen Themen unter sich aufteilen. Falk Steiner, einer von denen, sagte zu mir, wir seien keine Konkurrenz zueinander, das sei nicht der Grund, warum er so ruppig zu mir sei. Dabei berichtet er bei der taz heute genau das, was ich früher bearbeitete. Vielleicht verstehe ich ja alles falsch. Dass ich zu dumm bin, glaube ich nicht. Ich möchte gerne Chancen haben auf dem Arbeitsmarkt, dieselben wie meine männlichen Kollegen auch. Ich möchte gerne, dass auch Frauen streitbar sein dürfen und bunt und auffällig und laut. Und mächtig. Macht. Macht ist auch für Frauen da. Oder?

Zum Weiterlesen

Julia Seeliger hat den Blogbeitrag inzwischen offline genomen, “da man mir mit Anwälten drohte“. Da versucht offenbar jemand, Kritik zu depublizieren und damit unsichtbar zu machen. Julia Seeliger schreibt in einem neuen Artikel: “Einige verstanden den Beitrag so, dass ich einen Vergewaltigungsvorwurf erhebe – das ist nicht der Fall. […] Ich werfe niemand Vergewaltigung vor.” Da hat die Anwaltsdrohung scheinbar gewirkt. Und juristisch gesehen war es auch keine Vergewaltigung. Denn dafür reicht es nicht aus, dass sie “Nein” sagt. Der Täter hätte Gewalt anwenden oder androhen müssen oder eine schutzlose Lage ausnützen müssen. Und schutzlos war ihre Lage nicht, denn sie hätte in der WG um Hilfe rufen können. Lawblogger Uwe Vetter hat das letztens am Fall des 15-jährigen Mädchens aus Marl erklärt. Also lässt Julia Seeliger den Vorwurf der Vergewaltigung fallen und schreibt in ihrem neuen Artikel von einem “Übergriff”. Zusätzlich liefert sie mehr Informationen über die Beziehung mit Markus Beckedahl: “Den Übergriff habe ich beschrieben, weil er ins Thema gehört – aber das schlimmere war die Beziehung. Die Achtlosigkeit. Ich wurde klein in der Beziehung, die zu lange andauerte. Ich dachte, dass ich keinen guten Musikgeschmack habe, dass keine gute Partnerin bin, keine gute Politikerin, nicht intelligent genug. Weil es sich mit ihm so anfühlte und ich ihm zu lange vertraute.” Da sie für ihren ursprünglichen Text eine Creative-Commons-Lizenz verwendet hat, erscheint hier eine Kopie ihres Original-Artikels.

Siehe auch: Endlich werden die Täter genannt

7 thoughts on “Netzbeschmutzung

  1. Kommentar bei Julia Seeliger läßt tief blicken:
    eris sagt:
    Januar 26, 2013 um 12:19

    Liebe Julia – als Frau, die sich nackt auf (nicht Erotik-) Parties – auf denen auch Kinder und Leute die das gar nicht sehen wollen rumhüpfen – oral und vaginal durchvögeln lässt, mit exensivem Konsum von weissem Pulver (Koks, Speed?😉 bist Du leider nicht ernst zu nehmen, wirklich sowas von nicht.

  2. Klassische Derailing-Strategie mit einem populistischen ad hominem-Argument. Denn was hat das Partyverhalten von Julia Seeliger mit ihren Schilderungen zu tun? Ist bei einer Frau, die freizügige Partys feiert, eine Vergewaltigung etwa unmöglich? Sind solche Frauen Freiwild, mit denen man machen kann, was er will?

    • Die rhetorischen Fragen mal beiseite:
      Schon mal was von Kausalität gehört?

      Die Welt ist so wunderbar einfach, wenn man “Schuld” immer nur als ein binäres Ding betrachtet, nicht war?

  3. Ganz schön große Ansprüche an das Leben, so an sich, oder?

    Blöd, dass die Welt sich nicht um einen dreht, sowas aber auch.

    Sollten Sie das Produkt “Menschliche Existenz” unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen erworben haben, verlangen Sie einfach Ihr Geld zurück.

  4. Pingback: Too much information - Papierkorb - Guten Morgen

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